Reisebericht von Kurt Leitner im DHV Magazin Ausgabe 178

Im DHV Magazin Ausgabe 178 ist ein Reisbericht von unserer Flugreise nach Castelluccio vom 29.7. bis 4.8.2012 erschienen. Wir danken Kurt Leitner sehr für seinen tollen Bericht. 

Fotos zu dieser Riese findet ihr hier

 

“Sentimento Grandioso per Italia“ (Spliff, 1981)

Große Gefühle bei unserem Flugreise-Abenteuer in Castelluccio.

Nach einer langen Serpentinenbergfahrt  breitet sich eines der fantastischsten Fluggebiete Mitteleuropas vor uns aus – der atemberaubend schöne Nationalpark Monti Sibillini. Wir parken die zwei Busse an einem kleinen Parkplatz, steigen aus und betrachten still, die in der  sanften Abendsonne  ausgebreiteten, weichen, mit kleinen Wäldern durchsetzten grasbewachsenen Hügel vor uns. In der Ferne sehen wir gemächlich Schafherden und Pferde weiden. Die weiten Felder  der langgestreckten Hochebene im Tal sind hochsommerlich in verschiedenen Gelb- und Brauntönen gefärbt, doch mitten drinnen zieht verästelt ein kleines Gewässer seine grüne Bahn durch die golden gefärbte Hochebene des Piano Grande.  Es ist eine ganz besondere Landschaft hier, wie es sie in Europa wohl nirgendwo sonst gibt, sie gleicht einer Mondlandschaft nur dass sie lebendig grün und freundlich wirkt. Nichts davon ähnelt der Alpenwelt, außer vielleicht die größte Erhebung des Tales, der mächtige Monte Vettore mit dessen knapp 2500 Metern wir alle später noch nähere Bekanntschaft schließen werden. Franz, der „Vater“ der Flugschule „Aufwind,  unser Fahrer, Fluglehrer, Coach, Alleinunterhalter, brilliert jetzt auch in der Rolle des Kellners, öffnet den gut gefüllten Buskühlschrank und lädt uns aufs erste Landebier ein. Neben Franz betreut uns auch Mugi, ein junger Fluglehrer, der mit seiner ruhigen und gewissenhaften Art Franz perfekt ergänzt. Am Ende des Tals thront schließlich das malerische Castelluccio de la Norcia – das Ziel unserer Reise, wo bereits der freundliche Peppe mit den Zimmerschlüsseln und einem delikaten italienischen Abendessen auf uns wartet.

In dichten Schwaden schwebt am nächsten Morgen noch der Dunst über dem Piano Grande, bevor die Sonne über den Monte Vettore die Thermik ankurbelt und wir um ca. 9 Uhr frohen Mutes auf den Berg rauffahren. „Halt, Stopp!“ Lautet das Kommando von Franz. Zuviel Wind. Die oben anwesenden Drachenflieger werfen uns mitleidige Blicke zu, als wollten sie sagen: „Was macht ihr denn hier oben, ist doch viel zu windig für euch Gleitschirmflieger“.  Wir fahren wieder runter zum Groundhandling  an den Übungshang. Als der Wind schließlich akzeptable Werte erreicht, lotst uns Franz zum nächsten Hügel, um dort das Hochsoaren zu probieren. Der kleine Hügel stellte sich als perfekt dafür heraus – Franz kennt sich hier ja auch aus wie in seiner Westentasche. Halt-Stopp ist ein häufiges Kommando von Franz aber nun heißt es „aufi mit eich!“, also „hinauf mit euch!“. Für die Fliegerfreunde aus Deutschland, hat sich Franz angewöhnt, bei wichtigen Dingen immer laut und deutlich eine spezielle Art Hochdeutsch zu sprechen. Franz hat ein feines Gespür für kulturelle Unterschiede, hält sich aber jemand nicht an die Regeln – und gefährdet damit seine eigene Sicherheit oder die anderer Piloten – kann Er auch schon mal laut werden -aber wir wissen oder fühlen es intuitiv alle, dass es Franz nur gut mit uns meint, dass er uns gerne lebend und unverletzt wieder nach Hause bringen möchte.

Der Sicherheitsaspekt ist ganz klar ein Grund warum ich diese Flugreisen mache. Aber auch dafür,  viele neue Fluggebiete kennen zu lernen und mich mit anderen Piloten mit verschiedensten Erfahrungshintergründen auszutauschen, machen die Reisen wirklich Sinn. Ich hatte aus beruflichen Gründen zwei Jahre kaum Zeit zum Paragleiten. Danach machte ich die ersten Probeflüge am Übungshang und dachte ich wäre gut gerüstet für neue Flugabenteuer. Dachte ich. Tatsächlich  hatte ich einige, nicht unwesentliche Dinge, einfach vergessen und viele Fehler gemacht. Die Leinengurte habe ich einige Male falsch herum eingehängt, oder beispielsweise habe ich plötzlich die A-Leinen immer ohne die Gurte über die Arme zu legen aufgezogen. Hätte ich keine Flugreise gemacht, wären mir diese Dinge wahrscheinlich lange nicht aufgefallen und irgendwann hätte es ein böses Erwachen gegeben. Wenn beim Rückwärtsstart auch nur eine Leine falsch liegt, kriegen die Fluglehrer das schon aus 10 Meter Entfernung mit, ich war wirklich heilfroh, dass ich diesen Support bei der ersten Flugreise nach der langen Pause hatte. Auch die Anweisungen in der Luft, trugen nicht nur zur allgemeinen Sicherheit bei, sie machten mich auch zu einem besseren Piloten, der sich inzwischen auch in ruppiger Thermik kompetenter fühlt und Aufwindbärte zielsicher nutzen kann.

Klar, man kann sich bei einer Flugreise einfach zurücklehnen und die Gewissheit genießen, dass die Fluglehrer darauf achten, dass alles glatt geht, aber man kann auch direkt von deren Erfahrungsschatz profitieren, indem man ihre Entscheidungen hinterfragt, sich nach typischen Gefahrenquellen erkundigt und Details von Start-, Lande- oder Flugtechnik mit ihnen bespricht. Gute Fluglehrer erkennt man daran, dass sie geduldig zuhören, kompetent Auskunft erteilen und Hilfestellungen geben, die exakt auf das Können und Wissen der Piloten zugeschnitten ist. Aufwind hat auch diesbezüglich exzellentes Personal, das noch dazu durchwegs humorvoll und freundlich ist. Fluglehrer sind auch deswegen bei einer Reise von großem Vorteil, weil sie als Außenstehende nicht einer Gruppendynamik zum Opfer fallen, die das Risikoverhalten begünstigt.

Das Wetter wurde über die Woche hin immer besser. Ab Tag zwei, war jeder Berg starttechnisch ein Treffer und einige Male blieben wir Stundenlang in der Luft. Am dritten Tag geht uns ein Auto kaputt. Franz ärgert sich kurz, ruft hektisch den ÖAMTC (Ösi-ADAC) und betrachtet den Vorfall zwei Stunden später schon wieder mit einem Lächeln auf den Lippen „Es wäre viel schlimmer wenn einer von euch eine Verletzung hätte“. Das Problem des Wagens ist schnell mit einem Leihwagen gelöst, zusätzlich wird ein Ersatzbus aus Österreich geordert. Wären wir privat hier, hätten wir alle restlichen Flüge die Woche abschreiben können. Wir sind froh,  dass die Flugschule so gut organisiert ist. 

Am letzten Tag ergab sich für uns eine der besten Fluggelegenheiten, die man hier in Castelluccio bekommen kann. Nämlich Aufwind am Monte Vettore. Dieser Flug sollte das Beste werden, was ich bisher in der Luft erlebt hatte. Dank der Funkunterstützung von Mugi konnte ich als einer der wenigen direkt am Einstiegshang aufsoaren und kontrolliert auf den Vettore übersetzen. Am Vettore hatte ich den Eindruck einen Tinnitus zu hören der so klingt wie mein Vario mit ständigem Steigen. Es war aber tatsächlich das Vario. Es ging unentwegt „aufi“. Oben auf der Höhe des Grats dieses mächtigen Berges angelangt, bot sich mir ein unglaublicher Ausblick auf die Landschaft dahinter und eine unbeschreiblicher Panoramablick auf den Nationalpark. Darauf folgte langgedehntes Kreisen über Castelluccio und das Piano Grande. Alles in ruhiger Luft und akzeptablen Temperaturen (keine gefrorenen Finger etc.). Die Abendstimmung komplettierte dieses Ereignis zu einer regelrechten Grenzerfahrung für mich.

Ich war high nach diesem Flug, ich war berauscht von diesem Spitzenerlebnis. Die Gefühle, die ich gefühlt habe waren komplett neu für mich. Es war so ähnlich wie frisch verliebt  oder nach gutem Sex. Später während des Duschens habe ich die Rockmusik, die ich auf volle Lautstärke aufgedreht habe, auf einem völlig neuen Level verstanden, diese kraftvolle Lebensfreude, der Adrenalinrausch, der jede Zelle deines Körpers zu durchströmt.

In dieser Woche habe ich viel Neues erlebt. Alle 16 Teilnehmer hatten ihre wirklich hohen Hoch-Zeiten am Monte Vettore, ein Flug der sicher für viele unvergesslich ist.  Und ich bin dankbar für die vielen schönen Begegnungen mit den Fliegerkollegen und den Inspirationen und Einsichten die sie mir ermöglicht haben. Nicht zuletzt bin ich froh, dass wir alle, bis auf eine kleinere Verstauchungen  unverletzt geblieben sind, unglaublich viel Spaß hatten und uns fliegerisch so richtig austoben konnten. Es kamen auch keine Schafe zu Schaden dabei ;-). Und als ein bisschen älterer und reiferer Pilot als vor der Reise, kann ich nun „mit Sicherheit“ sagen: „Mit ‚Aufwind‘ macht das Fliegen erst so richtig Freude ;-)“.